Von Alpha-Wölfen und Rudelführern

Von Stephanie Becker

Warum Begriffe wie »Rangordnung« und »Rudelführer« aus der Hundeerziehung verbannt werden sollten

Gibt es Probleme im Zusammenleben mit dem eigenen Hund, heißt es noch häufig: »Mach dem mal klar, dass Du der Rudelführer bist!« Doch solche Aussagen sind total überholt – und noch dazu völlig unsinnig, denn unsere Haushunde sind gar keine Rudeltiere.

Um klären zu können, warum unsere Haushunde keine Rudeltiere sind, ist es wichtig, erst einmal zu erörtern, was man überhaupt unter einem Rudel beziehungsweise Rudeltieren versteht. Per wissenschaftlicher Definition ist ein Rudel eine »individualisierte, in sich geschlossene soziale Gruppierung von Säugetieren, deren Mitglieder im Gegensatz zu einer Herde nicht austauschbar und (meistens) miteinander verwandt sind.« Klassische Beispiele für Rudeltiere sind Löwen, Hyänen und Hirsche.

Im Bezug auf unsere Hunde wird natürlich auch der Wolf als Paradebeispiel genannt – da Hunde ja bekannter Maßen von diesem abstammen. Oft hört oder liest man dann, dass Wölfe »Rangkämpfe« austragen würden, um den »Rudelführer«, den sogenannten »Alpha-Wolf«, festzulegen. Und gerade bei Laien entsteht dadurch das Bild, dass dies bei unseren Haushunden auch der Fall sei – dass der Mensch sich quasi behaupten muss, um als Anführer akzeptiert zu werden. Notfalls eben mit Gewalt …

Wölfe leben in Familienverbänden

Doch diese gesamte Vorstellung vom ominösen »Alpha-Wolf«, mit allen dazugehörigen Machtstrukturen lässt sich aus mehreren Gründen nicht auf das Zusammenleben mit unseren Haushunden übertragen. Der wohl wichtigste ist, dass alle Erkenntnisse zur »Rudeltheorie« aus der frühen Wolfsforschung stammen. Damals wurden Wölfe in Gefangenschaft beobachtet, die unter enorm unnatürlichen Bedingungen gelebt haben: Sie litten unter Stress, ihr Territorium war viel zu klein und die Gruppen waren wild zusammengewürfelt – ohne jegliche Struktur. Da war es nur eine Frage der Zeit bis es aufgrund all dieser Gegebenheiten zu Machtkämpfen gekommen ist – und die Mär vom »Alpha-Wolf« war geboren.

Heutzutage ist man aber zum Glück schlauer. Beobachtungen an wildlebenden Wölfen führten nämlich zu der Erkenntnis, dass das »Rudel« immer aus den Eltern-Tieren und deren Nachwuchs besteht. Folglich handelt es sich also eher um Familienverbände, die von den Eltern-Tieren angeführt werden. Es gibt also keinen einzelnen »Alpha-Wolf«, sondern vielmehr »Leittiere«, die sich diese Position auch nicht erkämpft haben, sondern sie aufgrund ihrer Erfahrung innehaben. Die Hierarchien innerhalb dieses Familienverbandes sind zudem flach und verlaufen nicht streng linear. Bedeutet, das Zusammenleben ist von Harmonie geprägt und die einzelnen Tiere kooperieren problemlos miteinander – unabhängig von ihrer jeweiligen Position innerhalb der Familie.

Souveränität statt Machogehabe

Machtkämpfe, wie sie bei den Wölfen in Gefangenschaft stattgefunden haben, gibt es in freier Wildbahn nicht. Mitunter, weil der männliche Nachwuchs abwandert, sobald er ein gewisses Alter erreicht hat. Unnötige Gewalt kommt innerhalb des Familienverbandes auch nicht vor. Und die Elterntiere verhalten sich gegenüber dem Nachwuchs tolerant und sehr fürsorglich – denn ihr Hauptanliegen besteht darin, die jungen Wölfe zu schützen. Echte Leittiere zeichnen sich eben durch Souveränität und Berechenbarkeit aus. Zumal es auch aus biologischer Sicht nicht sinnvoll wäre, wertvolle Energie für belanglose Kämpfe zu verschwenden, wo diese doch für die lebensnotwendige Jagd benötigt wird. Außerdem besteht bei Kämpfen auch immer die Gefahr, dass ein Familienmitglied verletzt wird, was am Ende die gesamte Gruppe schwächen und somit das Überleben aller gefährden würde.

Mit all diesen Erkenntnissen lassen sich zwei Dinge mit Sicherheit sagen. Erstens: Aus wissenschaftlicher Sicht leben Wölfe zwar in einem Rudel, der Begriff »Familienverband« ist aber viel treffender. Zweitens: Ein wahrer »Anführer« zeichnet sich vor allem durch Souveränität aus und lässt nicht bei jeder Gelegenheit den Chef raushängen. Es ist ihm egal, wer voran läuft oder wer als Erstes frisst. Einzig ein Privileg ist den Leitwölfen wichtig: Das Recht auf Fortpflanzung.

Hunde sind Hunde – und Wölfe sind Wölfe

Schnell dürfte dann auch klar sein, dass so manch (veraltete) Trainingsmethode im Bezug auf die »Rudeltheorie« bei unseren Haushunden einfach nicht funktionieren kann – und endgültig abgeschafft gehört. Denn wir sind weder mit unseren Hunden verwandt, noch gehen wir gemeinsam mit ihnen auf die Jagd und schon gar nicht wollen wir uns mit ihnen fortpflanzen. Hinzu kommt, dass Hunde hochsoziale Wesen sind und sie daher genau wissen, dass wir keine Artgenossen sind. Wie seltsam muss es ihnen dann vorkommen, wenn wir auf einmal versuchen, uns wie solche zu verhalten?

Außerdem ist es sicherlich richtig, dass der Hund vom Wolf abstammt, aber bei all den Vergleichen darf auch eine wichtige Sache nicht vergessen werden: Hunde wurden über Jahrhunderte vom Menschen domestiziert – und gezielt nach dessen Vorstellungen und Bedürfnissen gezüchtet. Sie haben zwar noch ähnliches Erbgut wie Wölfe, aber sie sind faktisch keine Wölfe mehr. Daher ist es falsch und unfair, sie weiterhin darauf zu reduzieren. Hunde haben sich mittlerweile perfekt an das menschliche Leben angepasst, was unter anderem zur Folge hat, dass sie auf das gemeinschaftliche Leben mit Artgenossen gar nicht mehr angewiesen sind. Denn seit Beginn der Domestikation leben Hunde in der Nähe menschlicher Siedlungen. Ernährten sie sich früher noch von menschlichen Abfällen, wird ihnen heute ein 5-Sterne-Menü in Porzellan-Schälchen gereicht. Um das eigene Überleben zu sichern ist also die Jagd im Rudel bzw. Familienverband nicht mehr notwendig. Der Mensch trägt dafür Sorge, dass es dem Hund gut geht – und dieser verlässt sich darauf.

Auch Strassenhunde bilden kein Rudel

Natürlich gibt es auf dieser Welt auch Regionen, in denen Hunde nicht so am Familienleben teilnehmen dürfen wie in der westlichen Gesellschaft. In einigen Ländern ist es normal, dass Hunde wild umherstreunen und quasi das ganze Jahr über im Freien leben. Sie werden mehr oder weniger sich selbst überlassen und müssen eigenständig für ihr Überleben sorgen. In solchen Situationen macht es für Hunde tatsächlich noch Sinn, in losen Gruppen oder Verbänden zu leben. Aber auch diese Straßenhunde bilden kein festes Rudel. Zwar kann es von Vorteil sein, sich gemeinsam um die Beschaffung von Futter zu kümmern, aber Artgenossen stellen auch immer Konkurrenten um Futterressourcen dar. Daher kommt es nicht selten vor, dass sogar Straßenhunde primär alleine unterwegs sind.

Ein ziemlich passender Begriff, der seit einiger Zeit im Bezug auf Hunde immer häufiger auftaucht, ist »Semi-Solitäres-Wesen«. Dieser meint, dass Hunde sowohl alleine leben, aber auch Zweier- oder Gruppenbeziehungen eingehen können. Entweder innerhalb der eigenen Art oder außerartlich wie mit Menschen und sogar Katzen, wenn diese beispielsweise im selben Haushalt leben.

Der Mensch ist der wichtigste Sozialpartner

Nachdem nun geklärt ist, dass Haushunde keine Rudeltiere sind, stellt sich noch die Frage, was das für die Mensch-Hund-Beziehung bedeutet. Fakt ist, dass Aussagen wie »Der Mensch muss der Rudelführer sein« damit endgültig der Vergangenheit angehören sollten. Vielmehr ist es doch so, dass wir mit unseren Hunden in einer Beziehung, in einem sozialen Gefüge leben. Schließlich hat der Mensch auch über Jahrhunderte gezielt Hunderassen gezüchtet, damit diese ihm entweder bei der Arbeit helfen (Jagd-/ Hütehunde etc.) oder ihm einfach nur Gesellschaft leisten (Gesellschaftshunde).

Diese bewusste Selektion nach bestimmten Kriterien und charakterlichen Eigenschaften führte unweigerlich dazu, dass die heutigen Haushunde sich dem Menschen näher fühlen als den eigenen Artgenossen. Dies zu ignorieren und den Hund wieder in veraltete Muster zu zwängen, denen er schon längst entwachsen ist, wäre schlichtweg unrecht. Somit lässt sich nicht leugnen, dass der Mensch der wichtigste Sozialpartner für den Hund ist – es ist eben genau so gekommen, wie es durch die Domestikation gewünscht war. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass die heutigen Haushunde nicht zwangsläufig den Kontakt zu Artgenossen brauchen.

Sicherlich ist eine gute Sozialisierung in den ersten Wochen unabdingbar, aber der tägliche Umgang mit anderen Hunden ist definitiv kein Muss. So kann es sein, dass der eigene Hund keinerlei Bedürfnis verspürt, mit Artgenossen zu interagieren – und das ist auch vollkommen in Ordnung und sollte auch nie erzwungen werden. Dies sollte unbedingt auch immer bedacht werden, wenn das Verlangen nach einem Zweithund besteht. Geht es dabei wirklich um die Bedürfnisse des Ersthundes, oder möchte der Mensch sich lediglich einen persönlichen Wunsch erfüllen? Denn anders als bei Kaninchen oder anderen Tierarten ist es beim Hund nicht notwendig, dass er mit einem oder mehreren Artgenossen gehalten wird. Als hoch-soziales Wesen kann er sich zwar problemlos damit arrangieren, doch die Beziehung zum Menschen kann und sollte ein anderer Hund nicht ersetzen – diese steht für unsere Haushunde aber nun mal an oberster Stelle.

Zum Schluss bleibt dann noch die Frage offen, was genau der Mensch denn nun für den Hund ist, wenn nicht der »Rudelführer«? Kurz gesagt: Der Mensch ist für den Hund die wichtigste Bezugsperson und sollte ihm mit Freundlichkeit und Souveränität begegnen. Und wie jede Sozialpartnerschaft, so beruht auch die zwischen Mensch und Hund auf Vertrauen. Das Wesentliche dabei ist allerdings Verständnis. Verständnis für das Lebewesen Hund, für seine Art der Kommunikation und insbesondere für seine Bedürfnisse. Klingt total simpel – ist es eigentlich auch. Solange man sich nicht länger von überholten Theorien und veralteten Studien verunsichern lässt.

Hintergrund

Die Rudeltheorie

Einer der Mitbegründer der »Rudeltheorie« war der Schweizer Verhaltensforscher Rudolf Schenkel. Er studierte jahrelang das Verhalten der Wölfe im Basler Zoo und veröffentlichte 1944 seine Monografie über das Sozialverhalten der Wölfe. Dort schrieb er unter anderem, dass das Wolfsrudel von einem dominanten Weibchen und einem dominanten Männchen angeführt werde, den sogenannten »Alphas«. Zwar verwendet man in der modernen Wolfsforschung auch noch Bezeichnungen wie »Alpha« und »Beta«, aber diese beziehen sich eher auf das Alter der jeweiligen Tiere. Demnach wären die Leittiere die »Alphas« und deren erster Nachwuchs die »Betas« usw.

Hintergrund

Straßenhunde

Günther Bloch beschreibt in seinem Buch »Pizza-Hunde« das Zusammenleben von verwilderten Haushunden und wie diese gemeinschaftlich auf Futtersuche gehen. Beobachtungen wie diese könnten dazu führen, zu glauben, dass der Hund eben doch ein Rudeltier sei. Allerdings handelt es sich dabei um Einzelfälle, zumal diese Straßenhunde eher lockere Verbände bilden. Denn ein echtes Rudel besteht – wie bereits erwähnt – stets aus innerartlichen Familienmitgliedern.

Die Autorin

Stephanie Becker

… ist gelernte Redakteurin bzw. Journalistin und arbeitet seit 2021 nebenberuflich als Hundetrainerin. Nach einem Fernstudium zur Tierpsychologin, absolvierte sie ihre Ausbildung zur Hundetrainerin bei »Ziemer & Falke«, außerdem hat sie im Mai 2022 eine Weiterbildung zur »Naturheilkundeberaterin für Hunde« erfolgreich abgeschlossen.

Infos: www.hexeundhund.com

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